Suche nach dem Ich

Repost aus meinem ersten Blog „Realities“ vom

Monday, February 13, 2006, 09:43 PM
Inhalt

I Suche nach dem Ich
II es geschah…
III Kultur und Sprache
IV Take it one level higher

 

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I Suche nach dem Ich

Vielen jungen Menschen fällt es in zunehmendem Maß schwieriger die Frage nach der eigenen Identität positiv zu beantworten. Dis ist nicht verwunderlich, existiert doch das Wertesystem aus Links und Rechts, Konservativ und Alternativ, an der sich die vorhergehenden Generationen orientieren konnten nur noch im Wortschatz einiger Populisten. In einer globalisierten Gesellschaft werden wir an jeder Straßenecke mit neuen Ansichten, anderen Wertvorstellungen und teilweise auch uns unbekannten Sprachen und Riten konfrontiert.

Da das europäisch-christlichen Weltbild den Anspruch stellt die einzige Realität wiederzugeben, ergeben sich natürlich Probleme, wenn durch das Auftreten einer Konkurrenz-Realität die Allgemeingültigkeit der tiefsten Glaubensgrundsätze und somit auch unsere Selbstdefinition innerhalb dieser Glaubensgrundsätze in Frage gestellt werden. Denn das Bezugssystem „Kultur“ gibt nicht nur die Regeln für das Zusammenleben innerhalb der Gruppe an, es erlaubt dem Individuum auch eine fest definierte Rolle anzunehmen. Verliert das Bezugssystem seine Gültigkeit überträgt sich diese Unsicherheit auch auf die Definition der eigenen Rolle.

Um eigene Ziele und Werte entwickeln zu können muss die eigene Person einen Platz in der Gesellschaft finden können, der zunächst einmal etwas Sicherheit bieten.
Leider haben die gesellschaftlichen Veränderungen der letzen Jahrzehnte diese „Plätze der Sicherheit“ (soziologische Nischen) außerordentlich rar gemacht. Mobilität wird nicht nur im Bezug auf die Bereitschaft ständig den Ort zu wechseln voraus gesetzt, auch die geistige Mobilität (Flexibilität) wird hoch geschätzt. Was dazu führt, dass langfristige Bindungen an Orte, Ideen und Werte immer schwieriger werden.

Früher boten gesellschaftlicher Stand und Arbeit eine Möglichkeit sich zu definieren. Ein ganzes Leben lang wurde dieselbe Arbeit mit den gleichen Menschen zusammen ausgeübt, oft über viele Generationen hinaus. Ein ungleich dynamischer Arbeitsmarkt und zunehmende Fokussierung auf das Individuum mit seinen persönlichen Stärken und Schwächen disqualifizieren die Faktoren Job/sozialer Stand bei der Selbstdefinition vieler Menschen. Ist der Kumpel noch Kumpel wenn die Zeche schon geschlossen ist? Ist der Big-Brother-Star höher gestellt als der Bürgermeister eines kleinen Dorfes in der Eifel?

Der Wegfall einer „absoluten“ Identität birgt wie wohl kein anderes Thema Sprengstoff für Veränderung in sich. Dieses Phänomen ist sicher nicht nur auf Deutschland beschränkt, sondern betrifft alle Teile der Welt in denen verschiedenartige Kulturen aufeinander stoßen.
Während sich die einen verzweifelt an das klammern, was sie als althergebrachte Werte und Sicherheit empfinden stürzen sich wiederum andere auf Werte und Verhaltensweisen anderer Kulturen um sich diese in fragwürdiger Manier und ohne die geringste Reflexion zu Eigen zu machen. In der Schwierigkeit einen kongruenten Charakter zu entwickeln scheint fernöstliches Gedankengut, oder die Auslebung des Konsums bis an seine Grenzen, keine wirkliche Heilung zu bringen. Dadurch wird das Wertevakuum zwar vorläufig gefüllt, die Probleme verschwinden dadurch allerdings nicht, sondern manifestieren sich nur auf anderen, weit subtileren Ebenen.

Es stellt sich so für jungen Menschen die Frage in welchem Bezugssystem sich eigentlich die Eigene Person definieren lässt. Und diese Frage stellt sich nicht nur diesen Jugendlichen die deutlich entwurzelt wurden (z.B. die Kinder von Emigranten aus den ehemaligen Ostblockstaaten), sondern diese Frage schwebt wie ein Damoklesschwert über der persönlichen Entwicklung vielen Jungendlicher.

II es geschah…

Was hat „uns Deutsche“ dazu gebracht unsere Kulturelle Sicherheit in den Werten anderer Volksgruppen finden zu wollen? Sicher spielt hier die spezifische Vergangenheit eine große Rolle. Die wieder und wieder aufgezeigte „Schmach“ des zweiten Weltkrieges und die daraus resultierende Verantwortung anderen Volksgruppen und Kulturen gegenüber, gepaart mit einer internationaler Verflechtung der Wirtschaft, die in atemberaubenden Tempo voran schreitet und in immer mehr Bereiche der Lebens eindringt, spielt sicher eine wichtige Rolle im Erklärungsansatz.

Diese Auflösung der traditionellen Wertestruktur ist allerdings zunächst einmal eine neutrale Entwicklung. Die Chancen, welche sich dadurch bieten sind mindestens genauso groß wie die Risiken denen wir uns stellen müssen.

Die Frage Selbstvertrauen stellt sich in gewisser weise als Huhn-Ei-Problem dar. Sicher schaffe die Verwurzelung in der eigenen Kultur auch ein positives Selbstbild, des Dazugehörens und der Möglichkeit der eignen Definition innerhalb dieser kulturellen Gruppe. Es ist allerdings fragwürdig in wieweit dieses Verständnis von Kultur (und damit auch von der eignen Person) auf einer festen Basis beruht, da durch das Erfahren nur einer Kultur sicher viele Mechanismen nur unzureichend durchblickt werden können.

Wie die großen Philosophen vergangener Zeiten bemerkten beginnt das Wissen mit dem Eingeständnis der Unwissenheit. Wir müssen uns von den angelernten Glaubensvorstellungen befreien um die Möglichkeiten für einzigartige neue Perspektiven zu schaffen. Dies setzt nicht nur ein großes Maß an Selbstkenntnis voraus, sondern auch das Vertrauen in die eigene Person richtige und kongruente Entscheidungen treffen zu können und die Stärke diese auch zu vertreten. Ohne dabei allerdings zu vergessen, dass jede Idee vor allem durch die persönliche Situation geschaffen wird.

III Kultur und Sprache

Es stellt sich also die Frage wie man es dem jungen Weltbürger ermöglichen kann sich selbst zu finden. Auf den ersten Blick mag das sehr schwer sein, da ein durchgängig akzeptiertes Wertesystem in weiten Teilen der Gesellschaft nicht mehr existiert. Vielleicht ist es ja möglich durch einen Auslandsaufenthalt hinter die Fassade von „Kultur“ zu blicken. Die so erkannten Mechanismen tragen dazu bei die Sicherheit zu erhöhen, da es nun möglich ist sich sein eigenes Bezugssystem aufzubauen. Der Erwerb persönlicher und kultureller Fähigkeiten verläuft ähnlich dem Spracherwerb: Es kommt einfach so, ohne dass man sich besonders anstrengen müsste (oder eben nicht).

Fast jeder wird wohl einmal eine ähnliche Urlaubserfahrung gemacht haben: Eine im ersten Moment extrem eigentümlich empfundene Besonderheit des Urlaubsortes wird schon nach wenigen Tagen kaum mehr wahrgenommen. Das große Erwachen kommt erst wieder zurück in der Heimat: Warum kann der Deutsche Bäcker keine knusprigen Baguettes backen? Warum schmecken so viele „typisch fremdländische“ Gerichte (Pizza, Nasi Goreng, Döner) im Herkunftsland so ganz anders. Warum unterhalten sich Deutsche im Bus nur im Flüsterton?

Nun bleiben allerdings „un-bewussten“ Fähigkeiten per Definition weiten Teilen unseres bewussten Handelns verschlossen. Sollten diese also angewendet werden so ist dies mehr aus einem Gefühl heraus. Und ich brauche sicher nicht zu betonen, dass dieses (absolut sichere) Gefühl den kulturellen Regeln und Gebräuchen zu entsprechen eben durch diese Sicherheit zu überaus komplizierten Missverständnissen führen können.

IV Take it one level higher

Ungleich intelligenter ist es also in interkulturellen Settings sein Handeln auf ein sicheres Gerüst bewusstem Handelns aufzubauen. Dies kann allerdings nur gelingen, wenn man mit den allgemeinen Regeln der Kultur auf einem abstrakten Level vertraut ist. Dies lässt sich überaus deutlich an einer Analogie zu dem (in unserer Kultur) als pur logisch akzeptieren System, der Mathematik, darstellen: Das Wissen, dass eins und eins zwei ergibt ist überaus nützlich, jedoch unbrauchbar steht man den Anfangsmengen zwei und drei gegenüber. Weis man allerdings wie das System auf der nächst abstrakten Ebene (die Addition) funktioniert so ist man in der Lade jegliche (Additions-)Aufgabe mit Hilfe nur dieser Regel zu lösen. Ja rein logisch gesehen beruht die gesamte Newtonsche Mathematik auf nur zwei Regeln: Addition und Subtraktion. Alle weiteren Regeln sind nichts weiter als logische Schlossfolgerungen.

Wenn sie also wissen wie sich die Franzosen begrüßen (Küsschen links, rechts(, links)) so ist dies überaus wichtig, wird ihnen aber bei einer Begrüßung mit Norwegern außer erstaunten Gesichtern und (bestenfalls) Gelächter bei der Klärung dieser „intimen Freundschaftsbekundung“ wenig bringen. Verstehen sie allerdings das generelle Konzept von Begrüßungsriten, so ist es möglich Menschen aller Kulturen „die Hand zu reichen“ ohne direkt bei der ersten Begegnung in diverse Fettnäpfchen zu treten. Dies kann allerdings nur funktionieren, wenn man sich aus der Universalität der eigenen Kultur löst und spezifisches Wissen (z.B. über eine ethnische Gruppe) in ein abstraktes Handlungssystem (Kultur) einpassen kann.

Und wofür ist dass denn eigentlich alles gut? Spielt hier ausschließlich der spätere Berufserfolg eine Rolle? Nein, es steht viel viel mehr auf dem Spiel für die erste Generation in der eine Botschaft ans andere Ende der Welt nur noch Millisekunden dauert. Wie der Lebensraum der lokalen Tiere schwindet auch die Existenzgrundlage für das Selbstverständnis: Die Kultur. Natürlich gibt es sie noch – und auch neue – nur sind sie nicht mehr so zu finden wie damals. Alle Möglichkeiten, die uns diese neue Gesellschaft bieten verlieren ihren Sinn, wenn die Ziele nach denen wir streben Wert-los, ja eine zombiehafte Karikatur ihrer selbst, werden. Es ist deshalb so wichtig zu verstehen was (seine eigene) Kultur ist, weil dieses Wissen uns die Möglichkeit gibt einen Platz zu finden an dem wir Wurzeln schlagen können. Weil es ein neues Bezugssystem aufzeigt an dem wir uns orientieren können.

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2006 © Martin Metzmacher

2 Kommentare zu „Suche nach dem Ich“

  • Danke! Schön, dass dir der Artikel gefällt.

    Wie gesagt er ist schon älter (so 5 Jahre) aber immer noch aktuell oder vielleicht jetzt (mit Facebook – was es damals noch nicht gab) noch viel aktueller.

  • Achim Lucas:

    Sehr guter Block!

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