1. Brief an die Kulturpessimisten

Die Kulturpessimisten

Hallo liebe Kulturpessimisten. Nachdem unser letztes Gespräch ja nicht so zufriedenstellend verlaufen ist (für beide Seiten) möchte ich euch hier noch einige meiner Gedanken mitteilen, die im Keuchen der dunkelrotkopfigen Aufbrausung leider untergegangen sind.

Kulturpessimisten sind eine ganz besondere Sorte Mensch. Sie zeichnen sich dadurch aus sogar in der Currywurst von die Bommesbude um die Ecke Anzeichen für den drohenden Untergang der Zivilisation zu erkennen, oder zumindest Beweise für das Ende der mitteleuropäischen Hochkultur in meinen spezifischen Fall.

Kulturpessimisten sind allerdings keine Erfindung der Neuzeit. Schon als die ersten Lurche aufs Land krochen, gab es jene die das Leben an Land für unsauber, schwerfällig und absolut grundsätzlich im Gegensatz zur Lebensart des Fisches sahen.

Auch in der Gruppe der Homo Wieauchimmer gab es jene, die Pfeilspitzen aus Stein, Feuer oder auch Ackerbau strikt ablehnten, weil dies die natürliche Lebensart der Gruppe zerstören würde.

Und sie haben doch Recht…

Und hier die gute Nachricht für alle Kulturpessimisten: Ihr habt recht gehabt! Feuer und Ackerbau, Buchdruck und Elektrizität haben das Leben der Menschen so geprägt und verändert, dass danach alles anders war. Die Kultur der Jäger und Sammler, der Neandertaler und der Kohlekumpel sind vergangen. Nichts ist mehr so, wie es früher war und es wird auch nie mehr wieder so werden.

Und nun die schlechte Nachricht für alle Kulturpessimisten: Es ist alles so gekommen, wie ihr prophezeit habt und wir leben immer noch und sicher nicht schlechter als vor 1000 Jahren. Auch wenn wir nicht mehr in Höhlen wohnen und Mammuts jagen gibt es trotzdem noch Kultur und diese ist sehr viel diverser und vielfältiger als jemals zuvor.

Ich möchte auch noch hinzufügen, dass außer Kulturpessimismus auf Steintafeln und alten Pergmenten mit antikem Wert, diese Ansichten aus heutiger Sicher völlig, aber auch völlig kleinkariert, uninteressant und überzogen erscheinen. Sorry, aber es kräht kein Hahn mehr nach euch. Warum wohl?

Kontemporäre Kulturpessimisten: Internet & Co.

So und jetzt kriegen auch die kontemporären Kulturpessimisten noch ihr Fett weg: Ich weiss ihr probiert mir weiss zu machen, dass eure Realität genauer und besser ist als meine (positive Sicher der Dinge) und dass eure Kritik dazu beiträgt eine lebenswertere Gesellschaft zu schaffen. Dass die Jugend durch Wikipedia verblödet, die Freundschaften durch facebook wertlos werden und Twitter der Satan aller Aufmerksamkeitsstörungen ist habe ich mir lange genug angehört. Aber jetzt ist Schluss! Ich habe einfach keinen Bock mehr darauf dieses pessimistische Weltverbesserergefasel über mich ergehen zu lassen.

Und noch mehr zu meinem Lieblingsthema: Internet, Smartphones, Netbooks, die immerundüberalldigitale Erreichbarkeit & Soziale Netzwerke. Immer wieder höre ich über die schlimmen Konsequenzen, wenn Freundschaften jetzt auch online gepflegt werden, eventuell sogar noch mit Menschen, denen man noch niemals physisch begegnet ist (uhhh!). Beliebtes Zielobjekt sind auch die Smartphones, die es ermöglichen mit weit entfernten Freunden zu kommunizieren oder einfach nur Inhalte zu konsumieren, während ich mich doch mit dem total unbekannten und auf ersten Blick völlig uninteressanten Mitfahrer in der Bahn unterhalten könnte. Ach! Ziehen wir doch mal die Parallele zum Urzeitmenschen, der das Feuer entdeckt. Erst packt er rein (Aua!), dann grillt er sich eine Ratte (lecker!), dann flammt er aus versehen seine Haare an (auch Aua!) oder holt sich eine Rauchvergiftung; letztendlich lernt er aber die Gefahren kennen und fühlt sich in seiner Höhle mit warmen Füßen und einer gebratenen Mammutkeule deutlich besser als vorher im Kalten und Dörrfleisch.

Neue Medien = Neu

Natürlich bieten die neuen Medien und Kommunikationsformen viele Möglichkeiten extrem unnütze Sachen zu fabrizieren. Natürlich müssen wir zunächst raus finden was davon hilfreich ist und was besser wieder im digitalen Nirvana verschwindet. Aber warum sollten wir nicht experimentieren dürfen? Nachdem sich der erste Urzeitmensch die Hand verbrannt hat…hätte er lieber die Finger vom Feuer lassen sollen? Nachdem das erste Rad auf Nimmerwiedersehen im Tal verschwand: Hätten wir lieber wieder alles auf dem Kopf tragen sollen?

Ich sehe in den neuen Medien mehr Potential als Gefahren. Warum wohl? Weil ich einen anderen Fokus habe. Keine Angst ihr dürft gerne weiter eure Meinung haben. Fall ihr dann doch mal an unserer neuen Gesellschaft mit bauen wollte, möchte ich euch gerne ein paar Tipps geben.

6 Verhaltenstipps für Kulturpessimisten

1. Durch belehrende Redebeiträge wurde noch kein Kind vor dem Verhungern gerettet.

Wenn es euch also am Herzen liegt, dass etwas passiert, z.B. nicht mehr so viele Menschen hungern müssen, dann tut etwas dagegen und damit meine ich nicht die Belehrung, die mir zuteil wird, wenn ich die letzten 3 Nudeln nicht aufgegessen habe. Wer nur labert, aber nichts bewegt hat in meinen Augen das Recht verwirkt sich über irgendetwas aufzuregen. Bitte beachten: Ich schließe ausdrücklich nicht aus, dass Gespräche etwas bewirken können. Aber bitte konstruktiv und nicht auf diese „früher war mehr Lametta“ Art.

2. Es gibt keine Realität. Punkt und aus. Jeder Mensch erschafft sich die Welt in der er lebt jeden Tag aufs neue, indem er sich auf bestimmte Objekt und Vorgänge in der externen und internen Welt konzentriert. Das beeinflusst natürlich auch die Mitmenschen – ohne Zweifel, aber Realität kann per Definition nicht richtig oder falsch sein. Es ist also völlig sinnlos darüber zu streiten, wer jetzt Recht und wer Unrecht hat.

3. Ich kann mir nichts vorstellen was nur gut oder nur schlecht ist. Ying & Yang: In allem Guten steckt auch das Böse, ja beide Seiten bedingen sich sogar um überhaupt Sinn zu machen und sind sicher nur auf einer bestimmten Bewusstseinsstufe Gegensätze. Auf eurer Bewusstseinsstufe, wie es scheint.

4. Ich glaube gar nichts. Ich weiß wie leicht ich selber meinen Geist verwirren kann – schon unzählige Male getan. Als Mensch bin ich per Definition sehr zugänglich für alle Arten von Täuschung. Der flexible und freie Geist, der uns angeblich von den Tieren unterscheiden soll hat eben als Nebenwirkung sehr flexibel und frei zu sein. Live with it. Ich lasse mich aber gerne durch logische Argumentationen und Daten überzeugen. Aber sicher nicht mit dem Ziel dann auch glauben zu müssen wie schlechte diese Welt ist.

5. Strafe ist nicht das Gegenteil von Belohnung. Belohnung führen dazu, dass bestimmte Aktionen öfter ausgeführt werden, wenn sie eben von einer Belohnung gefolgt werden. Strafen führen nur sehr bedingt dazu, dass bestimmte Handlungen weniger oft vorkommen. Euer Weltuuntergangsgelaber anzuhören ist eine Strafe für mich und führt eher zur Ignoranz, als dass ich euren Argumenten Wert beimesse.

6. Ist euch schon mal aufgefallen, dass Menschen es bevorzugen sich in der Umgebung von anderen Menschen aufzuhalten, die eine positive Stimmung ausstrahlen? Nein? Wieviele Leute waren denn beim letzten Weltuntergangstreffen?

Disclaimer

Alle Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig. Ihr habt mich alle gleich abgenervt und ich habe jedes Endzeitargument mindestens zweimal gehört. Wer sich jetzt also ans Bein gepinkelt fühlt kann sich darin suhlen. Eigen- und Frendurinbehandlung gilt ja als äußerst gesund.

Wer meine Argumente nicht nachvollziehen kann oder (sicher berechtigte) Kritik an meinen Gedanken ausüben will der möge doch bitte ein Kommentar hinterlassen. Wer jetzt das Gefühl hat ich hätte ihm oder ihr die Lebensphilosophie vermiest, der möge meine Verschuldigung annehmen: Ich habe eindeutig mit Vorsatz gehandelt.

Schöne Grüße!

Martin

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